Zusammenfassung des Telematik-Themas aus berufspolitischer Sicht für den BDP, 04.05.2018

Für uns Praxiskollegen hat das Telematik-Thema eine erhellende zusätzliche Verständnis-Dimension erhalten durch den Besuch einer Veranstaltung leitender Ärztevertreter am Klinikum Nürnberg Nord (25.4.2018, www. Ippnw Ärzte für Frieden und Soziale Verantwortung e. V.), die einhellig auf Gefahren und Nachteile für Patienten, Behandler und Versichertengemeinschaft, sowie Vorteile alleine auf Seiten der Industrie und der Wirtschaft hingewiesen haben.

 

Es wurden folgende zentrale Punkte in den Fachvorträgen heraus gearbeitet:

1) Patientenrechte werden deutlich beschnitten. Alle Diagnosen und Behandlungsberichte sind für Behandler einsehbar. Der Patient selbst kann seine Daten nicht einsehen und auch nicht über deren Umgang und Umfang mitbestimmen. Dies steht im Widerspruch zur Stärkung der Patientenrechte.

Es findet eine massive Datenkonzentration statt, die Begehrlichkeiten der Wirtschaft weckt. In der Gematik ist die skandalbelastete Bertelsmann-Tochter Arvato wesentlich beteiligt, die sich mit der wirtschaftlichen Verwertung von Daten beschäftigt. Auch große Krankenkassen arbeiten bereits mit der Datenindustrie (TK mit IBM, AOK mit Cisco) zusammen. Auf deren Servern gelagerte konzentrierte Patientendaten dürfen nicht zur Handelsware werden. Dies widerspricht den Prinzipien der neuen EU-Datenschutzverordnung.

 

2) Datenschutz kann innerhalb der geplanten Datenautobahn nach Auskunft der anwesenden promovierten IT-ler aus Industrie und Medizin nicht gewährleistet werden. Nicht einmal das deutsche Innenministerium ist sicher. Fachleute konnten dort 6 Monate lang den externen Hacker-Angriff nicht abwehren. Das norwegische Gesundheitssystem wurde bereits gehackt, Millionen Patientendaten wurden dort entwendet. Schwarzmarktpreis pro Datensatz ca. 100 US-Dollar. Interessiert hieran sind Arbeitgeber, Versicherungswirtschaft, Werbetreibende, Industrie etc. Neben den Angriffen von außen gab es lt. Vortrag in Kliniken auch schon Innen-Täter, die der finanziellen Verlockung nicht widerstehen konnten.

 

3) Technische Probleme: Der Datenfluss ist aus technischer Sicht überhaupt nicht zu kontrollieren. Die Daten kommen in eine Cloud oder auf Großserver der Industrie, wo sich deren Verbleib und Verwendung der Kenntnis der Verantwortlichen in Gesundheitswesen und Politik entzieht. Durch die Monokultur der Windows-Rechner entsteht ein für Ausspähung und Sabotage hoch anfälliges Gesamt-System. Ein Eindringling an einer einzigen der zehntausenden Zugangsstellen könnte einen Systemausfall der gesamten Telematik verursachen. Updates müssen zum Schutz des anfälligen Systems jeweils sofort aufgespielt werden, um Angriffe zu verhindern. Dies ist für die Einzelpraxis kaum leistbar, da wir weder ausgebildete IT-Spezialisten sind, noch sofort ein System-Administrator in jeder Praxis vor Ort sein kann, um das System zu aktualisieren. Im Arzt- und Klinik-Bereich ist dies nicht leistbar, da innerhalb des internen Netzwerks verschiedene Systeme mit verschiedener Software (z. B. OP-Bereich) minutenschnell mit koordiniert werden müssten, damit diese nicht ausfallen. Dies ist unmöglich. Weitere Gefahren entstehen durch (menschliche) Anwenderfehler in der Praxis, Befall durch Schadsoftware, Defizite beim Backup, sowie Ausfall des System-Administrators der Praxis. Hierbei ergibt sich auch ein Haftungsproblem für Ärzte und Psychotherapeuten, über deren Telematik-Anschluss ein Schaden am Gesamtsystem entsteht. Weiterhin wurden zahlreiche technische Detailprobleme geschildert.

 

4) Praktikabilität: Der praktische Ablauf in einer Arztpraxis oder Klinik mit im Realbetrieb bis zu 10-minütigem Datenabgleich bei jeder Chipkarte – im Vergleich zu heute 5 Sekunden – ist schwer vorstellbar. Zumal in verschiedenen Regionen das Internet sehr langsam ist. Es werden zu Quartalsbeginn jeweils ca. 150 Millionen Datenabfragen erwartet, die zum Zusammenbruch des Systems führen würden. Die Privatsphäre am Praxistresen bei der Abfrage der Adressdaten von Patienten ist nicht mehr gegeben. Zusätzliche Helferinnen müssen für diese Aufgaben angestellt und honoriert werden. Die wertvolle kurze Zeit zwischen Arzt und Patient schwindet mit dem Zeitaufwand für den Datenabgleich. Für das Lesen der Berichte anderer Ärzte müssen Versicherten- und Behandler-Karte gesteckt sein, wodurch sich die Notwendigkeit zahlreicher zusätzlicher Zugänge und Lesegeräte in der Arztpraxis ergibt. Der Behandler muss sich durch Information aus langen Datensätzen und Altberichten in Anwesenheit des Patienten und seiner Karte scrollen. Praxisabläufe werden verlangsamt, der Zeitaufwand erhöht sich enorm und es entstehen zusätzliche hohe Kosten.

 

5) Patientennutzen zeigt sich nicht. Der Patient bleibt von seinen Daten ausgesperrt. Z. B. Medikationspläne müssen daher wie bisher auf Papier ausgedruckt werden. Die Notfalldatensätze sind unnütz, da im akuten Fall nicht verwendbar, nicht sinnvoll oder bei Gerätestörung oder schlechter Verbindung nicht lesbar. Notärzte empfehlen stattdessen weiterhin den Allergiepass in der Brieftasche, der sofort und ohne Geräteeinsatz lesbar und verwertbar ist.

 

6) Psychotherapie- und Psychiatrie-Patienten wollen nicht, dass ihre psychische Erkrankung überall einsehbar und bekannt ist. Untersucht und behandelt der Arzt noch auf Herzprobleme, wenn er beim schnellen Blick auf die Daten von Panikattacken liest?

Möglicherweise würden Psychotherapie- und Psychiatrie-Patienten in beträchtlicher Zahl einer erforderlichen Behandlung fernbleiben, aus Angst vor diskrimierenden Diagnosen (siehe auch Psychiatrie-Gesetz-Novelle). Dies würde den Patienten, der Gesellschaft und auch dem psychotherapeutischen Berufsstand schaden.

Die Freigabe seiner Daten durch den Patienten könnte in der Zukunft zur Bedingung der Gewährung von Gesundheitsleistungen werden, wie dies heute schon beim Abschluss von vielen Versicherungen und beim Antrag auf Berentungen oder GdB der Fall ist. (Wer darf alles in der Cloud stöbern?)

Auch die Behandler werden durch den Anschluss an das Praxis-Verwaltungssystem gläsern und kontrollierbar.

 

Fazit: Erst aus diesem Blick auf die Ärzteperspektive ergibt sich für uns Psychologische Psychotherapeuten, dass hier mit Milliardenaufwand ein Gesamt-System installiert werden soll, das nicht funktional und datenschutzrechtlich unhaltbar ist. Industrie und Wirtschaft verkaufen der Gesundheitspolitik eine astronomisch teure Datenautobahn mit zahllosen teuren Geräten, Wartungsaufwand und der Aussicht auf niederschwelligen Zugang zu hochsensiblen und wertschöpfungsträchtigen Daten. Dies wird letztlich durch die Versichertenbeiträge finanziert, d. h. Patienten erhalten weniger tatsächlich Heilungs-Leistungen für ihr Geld, Behandler erhalten weniger Honorar und müssen noch mehr Zeit anstatt für die Patienten nun für die Verwaltung aufwenden. Geld- und Datenströme werden aus dem Gesundheitswesen an Industrie und Wirtschaft elegant umgeleitet.

Der Versicherten-Stammdaten-Abgleich in unserer Praxis, als harmlose Spitze des Eisbergs, wird als eine von den Kassen ausgelagerte Verwaltungsarbeit betrachtet, die – aufgrund von abnehmendem Kartenmissbrauch – den Aufwand für ein solches Riesen-System keinesfalls rechtfertigt.

Die im e-health-Gesetz festgeschriebene Stärkung der Patientenrechte, eine verbesserte Kommunikation im Gesundheitswesen und eine effiziente Verwaltung sind nicht gegeben. Stattdessen entstehen hohe Kosten bei geringer Sicherheit, hoher Systemanfälligkeit, geringem Patientennutzen und erheblichem Behandler-Mehraufwand. England hat ein ähnliches System 2014 aus diesen Gründen bereits wieder abgeschafft.

 

 

 

Stephan Krätzler-Inoue, Sabine Eicher, Ursula Geer,

BDP-Mitglieder seit mehr als 25 Jahren, Psychologische Psychotherapeuten, Nürnberg

 

 

Internet-Seiten zum Thema:

http://www.stoppt-die-e-card.de

→ Zahnarzt Thomas Weber: Rote Karte für die TI

(Postkarten können unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! angefordert werden)

→ Unterschrift EU-Datenschutzverordnung Mai 2018

https://wurzelspitze.wordpress.com/2018/03/22/rote-karte-fuer-die-ti/

https://www.ippnw.de/

https://deutsch.medscape.com/artikelansicht/4906178

https://secure.avaaz.org/de/petition/Bundesministerium_fuer_gesundheit_jens_spahn_sicherheit_fuer_ihre_gesundheits_und_versichertendaten/?

 

 

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